{"id":46,"date":"2024-05-13T22:33:00","date_gmt":"2024-05-13T22:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/revolution-und-quark.de\/?p=46"},"modified":"2025-02-04T22:34:38","modified_gmt":"2025-02-04T22:34:38","slug":"marx-kohei-saito-und-der-metabolische-riss-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revolution-und-quark.de\/?p=46","title":{"rendered":"Marx, Kohei Saito und der metabolische Riss (Teil 1)"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><\/h1>\n\n\n\n<p><strong>Fossile Investitionen sind, nach einer Flaute in den 2010ern aufgrund mangelnder Profitabilit\u00e4t, in den letzten Jahren wieder gestiegen. J\u00e4hrlich verzichten die Weltklimagipfel (COP) auf Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Klimakatastrophe. Die Ampel-Regierung hat sogar den mit 60 Milliarden Euro l\u00e4cherlich kleinen Klima-Investitionsfonds aufgel\u00f6st, weil ihr das Geld fehlt. Kann der Kapitalismus umsteuern oder ist das System strukturell unf\u00e4hig, mit der Klimakrise umzugehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Texte des japanischen Philosophen und Autors Kohei Saito (geb. 1987) werden viel beachtet, seine B\u00fccher \u201eSystemsturz\u201c und \u201eMarx in the Anthropocene \u2013 the Idea of Degrowth Communism\u201c sind Bestseller. Saito greift auf Texte von Karl Marx zur \u00d6kologie zur\u00fcck, v.a. aus dem Band III des \u201eKapital\u201c und den \u201eGrundrissen\u201c von 1857. Er weist nach, dass bereits Marx die Unausweichlichkeit der \u00f6kologischen Zerst\u00f6rung durch den Kapitalismus verstanden hat. Er vertritt die These, dass die Marxist*innen nach Marx dabei versagt haben, die \u00d6kologie und die Klimakrise zu verstehen, und dass sie sich technikgl\u00e4ubig an \u201eproduktivistischen\u201c Zielen orientierten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der metabolische Riss<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Marx erkl\u00e4rt im ersten Band des \u201eKapital\u201c, dass nicht allein die menschliche Arbeit die Quelle des Reichtums ist, sondern auch die Natur. In vorkapitalistischen Gesellschaften, auch den Klassengesellschaften, war die Bed\u00fcrfnisbefriedigung das zentrale Motiv der Produktion. Das \u00e4ndert sich im Kapitalismus. Die Kapitalverwertung wird zum entscheidenden Motor der wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit. Das entfaltet eine ungeheure Dynamik und rei\u00dft Grenzen nieder, nationale, kulturelle und nat\u00fcrliche. In einer so verdinglichten Welt transformiert die soziale Macht von Ware, Geld und Kapital alles nach der Logik der Kapitalverwertung in Waren, und die Natur wird zum blo\u00dfen Vehikel dieser Verwertung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitalakkumulation und Wachstum sind per kapitalistischer Logik unbegrenzt. Das unendliche kapitalistische Wachstum trifft jedoch auf die Endlichkeit des Planeten, den biophysikalischen Grenzen f\u00fcr Rohstoffverwertung und Emissionen. Saito legt dar, dass die Natur ohne die menschliche Gesellschaft existieren kann, die menschliche Gesellschaft aber nicht ohne die Natur. Dieses asymmetrische Verh\u00e4ltnis bedroht den Wohlstand oder sogar die Existenz der Menschheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zentrale Marx\u2019sche Begriff f\u00fcr den Widerspruch zwischen kapitalistischer Entwicklung und der Natur ist der \u201emetabolische Riss\u201c. Metabolismus bedeutet Stoffwechsel, es handelt sich also um eine St\u00f6rung bzw. einen Riss des Stoffwechsels der menschlichen Gesellschaft mit der Natur. Marx wusste noch nichts von den Folgen der CO<sub>2<\/sub>-Konzentration. F\u00fcr ihn wurde der Riss deutlich anhand des Landwirtschaft. Bez\u00fcglich der Bodenfrage wurde schon damals deutlich: technologische \u201eL\u00f6sungen\u201c nach kapitalistischer Logik, welche den ausgelaugten B\u00f6den z.B. mit mehr D\u00fcngemitteln Ertr\u00e4ge abringen sollen, f\u00fchren nicht zur \u00dcberwindung der Widerspr\u00fcche, sondern haben Folgen, die nicht vorhersehbar sind und das Potenzial haben, das Problem auf einer h\u00f6heren Stufe zu eskalieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fossiles Kapital<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die fossilen Brennstoffe waren zentral bei der Entstehung und der Entgrenzung des Kapitalismus. Mit ihnen wurde es m\u00f6glich, die \u201ephotosynthetische Barriere\u201c zu durchbrechen. Bis zur Ausbeutung der Fossilen war die Menschheit auf die F\u00e4higkeit der Natur angewiesen, Sonnenenergie in Biomasse umzuwandeln. Der Kapitalismus nutzte jedoch die \u00fcber Millionen Jahre gespeicherte Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 ohne Kohle g\u00e4be es den heutigen Kapitalismus nicht. [\u2026] Inzwischen verbraucht Europa mehr als 20mal so viel Energie, wie W\u00e4lder bereitstellen k\u00f6nnten, wenn sie den ganzen Kontinent einnehmen w\u00fcrden [\u2026] Man zapfte die Pflanzenreste der Vergangenheit an und konnte damit die Schranken der Gegenwart sprengen. Seit Urzeiten war die Menschheit gezwungen gewesen, nur so viel zu verbrauchen, wie die lebende Natur liefern konnte. Diese \u2018organische\u2019 \u00c4ra endete nun und wurde durch ein fossiles Zeitalter abgel\u00f6st.\u201d (aus: Ende des Kapitalismus, Ulrike Herrmann).<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommt, dass die fossilen Brennstoffe ideal f\u00fcr die kapitalistische Produktionsweise sind: sie lassen sich privat aneignen und erfordern gro\u00dfe Investitionen und Organisation, was die Monopolisierung beg\u00fcnstigt. Der Aufstieg des Kapitalismus und der gro\u00dfen Konzerne ist untrennbar mit der Nutzung fossiler Energie verbunden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Drei Verschiebungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Riss im Stoffwechsel manifestiert sich nicht erst seit der Klimakrise. Das Kapital hat schon fr\u00fch einen Umgang damit gefunden: es verschiebt die Folgen dieses Risses \u2013 technologisch, zeitlich und r\u00e4umlich. Marx erkl\u00e4rt, dass das Kapital versucht, die Risse zu \u00fcberwinden, ohne seine eigenen Grenzen zu erkennen bzw. zu akzeptieren, durch eine Relativierung des eigentlich Absoluten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Verschiebung ist die technologische: ersch\u00f6pfte B\u00f6den wurden durch verst\u00e4rkten D\u00fcngemitteleinsatz weiter genutzt, eine Folge war die Verseuchung z.B. des Grundwassers. Heute soll die Klimakatastrophe angeblich \u201etechnologieoffen\u201c bew\u00e4ltigt werden. Das Wachstum von Transport und Verkehr soll zum Zweck der Kapitalvermehrung weitergehen \u2013 nicht mehr mit Verbrennern, sondern durch E-Mobilit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Statt die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen effektiv zu reduzieren, soll die CO<sub>2<\/sub>-Abscheidung, also das Einfangen aus der Atmosph\u00e4re mit technischen Gro\u00dfanlagen, vorangetrieben werden. Die Wirkung w\u00e4re begrenzt, die Investitionen enorm, wie auch der Rohstoffverbrauch beim Bau der Anlagen. Wahrscheinlich bleibt die Wirksamkeit dieser Anlagen eine Illusion. Effektivere Ma\u00dfnahmen zum \u201eEinfangen\u201c von CO<sub>2<\/sub>, z.B. mehr W\u00e4lder und Moore, sind nicht die bevorzugte kapitalistische L\u00f6sung, denn sie beschr\u00e4nken die profitable Verwertung von Land und sind schlechter in private Profite umzuwandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Verschiebung ist die r\u00e4umliche. Die \u00f6kologischen Lasten werden in andere Regionen verschoben. Das Gros der fossilen Brennstoffe oder der Lebensmittel wurde und wird in den entwickelten kapitalistischen L\u00e4ndern des globalen Nordens verbraucht. F\u00f6rderung, Anbau und Entsorgung finden im globalen S\u00fcden statt. Regenw\u00e4lder werden zu Weidefl\u00e4chen und Palm\u00f6l-Anbaugebieten, Tanker in Indien verschrottet, M\u00fcll in Indonesien deponiert. Die Erhitzung der Erde ist zun\u00e4chst in den ohnehin schon w\u00e4rmeren Regionen sp\u00fcrbar und macht Teile davon unbewohnbar. Durch die Verschiebung der \u00f6kologischen Folgen aus den kapitalistischen Zentren in die Peripherie lagern die Kapitalist*innen Kosten aus und verstecken diese vor den Augen der Arbeiter*innen der Zentren; die Destruktivit\u00e4t der Produktionsweise wird f\u00fcr diese verborgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Verschiebung ist die zeitliche. \u201eNach mir die Sintflut! ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.\u201c (Marx, Kapital, Band I). Die Elastizit\u00e4t der Natur f\u00fchrt dazu, dass die \u00f6kologische Katastrophe nicht sofort eintritt. Bestes Beispiel daf\u00fcr ist erneut die Klimakatastrophe. \u00dcberraschend pr\u00e4zise wissenschaftliche Berechnungen zur Temperaturver\u00e4nderung gibt es bereits seit 1900. Den \u00d6lkonzernen waren die Folgen seit den 1950ern klar, seit Anfang der 1970er Jahre schlugen Wissenschaftler*innen \u00f6ffentlich Alarm. Doch die Wirtschaft schl\u00e4gt die Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Spielraum schrumpft<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ein kapitalistischer Konzern, welcher die Folgekosten von Rohstoffverbrauch und Emissionen korrekt berechnen und die n\u00f6tigen Investitionen f\u00fcr deren Beseitigung bereitstellen bzw. die Produktion klimaneutral umbauen w\u00fcrde, w\u00e4re nicht konkurrenzf\u00e4hig. Die kapitalistische Logik erzwingt die Auslagerung der realen Kosten und Folgen des Wirtschaftens in die Zukunft. Und sie erzwingt die Externalisierung der enormen Folgekosten durch deren Vergesellschaftung. Die Bek\u00e4mpfung der Klimakatastrophe wird \u2013 wenn \u00fcberhaupt etwas passiert \u2013 von den Staaten mit Steuergeldern finanziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Spielraum f\u00fcr Verschiebung und Externalisierung schrumpft rapide, zeitlich und r\u00e4umlich. Die planetare Klimakatastrophe samt der Kipppunkte machen den metabolischen Riss im globalen Norden sp\u00fcrbar. Da die Komponenten Zeit und Raum ihre Elastizit\u00e4t verlieren, bleibt denjenigen, die nicht bereit sind, die kapitalistische Wachstums- und Zerst\u00f6rungslogik in Frage zu stellen, nur die Hoffnung auf neue Technologien. Diese k\u00f6nnten, wenn sie als Begleitung zum \u00f6kologischen Umbau unter gesellschaftlicher Kontrolle eingesetzt w\u00fcrden, eine wichtige Rolle spielen. Doch unter den Bedingungen von Konkurrenz und Profitlogik bleibt ihre Funktion begrenzt. Der Umstieg auf E-Mobilit\u00e4t senkt die Emissionen, aber intensiviert die Ausbeutung von Rohstoffen. Er hat massive \u00f6kologische Folgen und f\u00fchrt unmittelbar zu wirtschaftlichen und geopolitischen Verwerfungen, welche die Gefahr milit\u00e4rischer Konflikte erh\u00f6hen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fossile Investitionen sind, nach einer Flaute in den 2010ern aufgrund mangelnder Profitabilit\u00e4t, in den letzten Jahren wieder gestiegen. J\u00e4hrlich verzichten die Weltklimagipfel (COP) auf Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung der Klimakatastrophe. Die Ampel-Regierung hat sogar den mit 60 Milliarden Euro l\u00e4cherlich kleinen Klima-Investitionsfonds aufgel\u00f6st, weil ihr das Geld fehlt. 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